München, Hauptsaal, 400 Gäste. Die Musik wird lauter, das Licht geht runter, auf der LED-Wand erscheint der Countdown. Der ganze Saal zählt mit: drei, zwei, eins. Konfetti, Applaus, der CEO betritt die Bühne.
Zur selben Zeit in Hamburg. Vierzig Kolleginnen und Kollegen sitzen im großen Besprechungsraum, jemand hat Sekt organisiert, die Gläser sind voll. Auf der Leinwand steht der Countdown bei sieben. Sie zählen trotzdem mit, mit voller Überzeugung: sieben, sechs, fünf. Als sie bei „eins“ ankommen und die Gläser heben, sagt der CEO auf der Leinwand gerade: „Liebe Kolleginnen und Kollegen in Hamburg …“
Ein kurzer Moment Stille. Dann lacht jemand. Der Sekt schmeckt trotzdem.
Niemand hat einen Fehler gemacht. Der Livestream hat nur getan, was Livestreams tun: Er kam etwas später an.
Was ist Latenz im Livestream?
Latenz ist die Zeit, die zwischen einem Ereignis vor der Kamera und seiner Wiedergabe beim Zuschauer vergeht. Bei einer Videokonferenz merkt man davon kaum etwas, sie liegt meist unter einer Sekunde. Bei einem klassischen Livestream können es zwanzig Sekunden und mehr sein.
Jeder kennt das Prinzip vom Gewitter: Erst sieht man den Blitz, dann hört man den Donner. Beim hybriden Event ist der Saal der Blitz. Jeder zugeschaltete Standort hört seinen Donner ein bisschen später, und jeder in seinem eigenen Tempo.
Wohin die Sekunden verschwinden
Wer zum ersten Mal neben einer Livestream-Regie steht, ist oft überrascht, wie viel zwischen Bühne und Bildschirm passiert.
Die Kamera nimmt das Bild auf, der Bildmischer entscheidet, welche Perspektive gerade zu sehen ist. Ein Encoder packt das Signal so klein zusammen, dass es durch die Internetleitung passt. Dann reist es zu einem Streaming-Server, der es bei klassischen Livestreams in kleine Stücke schneidet, sogenannte Segmente – typischerweise etwa sechs Sekunden lang. Erst wenn ein Stück fertig ist, kann es losgeschickt werden. Und am Ziel legt der Player sicherheitshalber noch ein paar Stücke auf Vorrat, damit das Bild nicht ruckelt, wenn das WLAN kurz schwächelt.
Jeder dieser Schritte ist vernünftig. Zusammen ergeben sie die sieben Sekunden, die in Hamburg beim Countdown fehlen.
Ein Livestream ist nie ganz live – er ist eine sehr schnelle Aufzeichnung.
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Wann Latenz egal ist – und wann sie wehtut
Solange alle nur zuschauen, spielt die Verzögerung keine Rolle. Ob die Rede des CEO in Hamburg zehn Sekunden später ankommt, merkt dort niemand. Sie ist dann eben einfach die Rede.
Schwierig wird es, sobald alle etwas gemeinsam tun sollen. Beim Countdown zerfällt der eine große Moment in viele kleine. Bei der Live-Abstimmung trudeln die Stimmen aus Hamburg ein, wenn in München schon das Ergebnis gefeiert wird. Bei der Fragerunde fragt jemand aus dem Standort, und dann entsteht diese Pause, in der alle höflich lächeln und nicht wissen, ob die Frage angekommen ist.
Latenz stört nicht beim Zuschauen, sondern beim Mitmachen.
Wie trotzdem alle im selben Moment jubeln
Die gute Nachricht: Man muss die Physik nicht besiegen, man muss sie nur einplanen.
Der Countdown kommt nicht aus München.
Am zuverlässigsten ist es, den Countdown gar nicht zu übertragen. Stattdessen läuft an jedem Standort dasselbe Video lokal ab, gestartet zu einer vorher vereinbarten Uhrzeit. In München, Hamburg und Düsseldorf erreicht die Uhr dann gleichzeitig die Null. Der Stream setzt erst danach wieder ein.
Wer mitmacht, bekommt eine schnelle Leitung.
Standorte, die Fragen stellen oder mitdiskutieren sollen, verbindet man über eine Echtzeitverbindung mit Bild und Ton in beide Richtungen. Wer nur zuschaut, ist mit einem klassischen Stream gut bedient. Der läuft stabiler und verkraftet auch, wenn sich 300 Menschen gleichzeitig einwählen.
Die Dramaturgie atmet mit.
Eine Abstimmung bleibt lange genug offen, bis auch Hamburg mitgestimmt hat. Fragen aus den Standorten werden gesammelt, und die Moderation ruft sie auf, statt live hin- und herzuschalten. Für das Publikum im Saal wirkt das ganz natürlich. Für die Standorte fühlt es sich an, als wären sie wirklich dabei.
In der Probe wird gemessen.
Eine Uhr mit Sekundenanzeige ins Bild, ein kurzer Anruf an jeden Standort: „Was seht ihr gerade?“ Danach weiß jeder, wie groß der Abstand ist. Das kostet zehn Minuten und erspart am Veranstaltungstag den Moment mit den erhobenen Sektgläsern.
An jedem Standort gibt es einen Menschen, der Bescheid weiß.
Jemand, der den lokalen Countdown startet, der merkt, wenn der Ton fehlt, und der weiß, wen er anrufen muss. Technik verbindet Standorte. Menschen sorgen dafür, dass sie sich verbunden fühlen.
Jeder Standort braucht seinen eigenen Cue
In der Veranstaltungstechnik heißt jeder Einsatz im Ablauf Cue: Licht aus, Musik an, Video ab. Im Saal sitzt ein Team, das jeden dieser Einsätze auf die Sekunde setzt.
Beim hybriden Kick-off reicht das nicht mehr. Hamburg lebt in einer anderen Zeit als München, auch wenn es nur zwanzig Sekunden sind. Also braucht auch Hamburg seinen eigenen Cue. Wer das von Anfang an mitdenkt, erlebt am Ende das, worum es beim Kick-off eigentlich geht: ein Unternehmen, das gemeinsam ins Jahr startet. Und zwar wirklich gemeinsam.
Wie ein Produktionstag mit Livestream aus Sicht des Technikteams aussieht, erzählen wir in unserem Beitrag „Ein Tag Livestream-Technik“. Mehr zu hybriden Formaten finden Sie auf unserer Seite Hybride Events.
Fazit
Ein Livestream überträgt Bilder, aber keine Gleichzeitigkeit. Die muss man planen. Dann heben in Hamburg alle die Gläser, wenn in München das Konfetti fliegt.
FAQ
Latenz ist die Verzögerung zwischen dem Geschehen vor der Kamera und der Wiedergabe beim Zuschauer. Sie entsteht, weil das Bild komprimiert, übertragen, in Segmente aufgeteilt und beim Empfänger zwischengespeichert wird.
Bei klassischen Livestreams sind 5 bis 30 Sekunden üblich, mit Low-Latency-Verfahren etwa 2 bis 5 Sekunden. Echtzeitverbindungen wie Videokonferenzen kommen auf unter eine Sekunde.
Nicht vollständig, aber deutlich verringern. Je niedriger die Latenz, desto anfälliger wird die Übertragung für Ruckler. Deshalb wählt man die Verbindung danach, ob ein Standort nur zuschaut oder aktiv mitmacht.
Am zuverlässigsten, indem der Countdown nicht übertragen, sondern an jedem Standort lokal abgespielt wird, gestartet zu einer gemeinsam festgelegten Uhrzeit. So erreichen alle Standorte gleichzeitig die Null.