Wiesbaden, 1. Januar 2026
Herr Bertsch, Sie haben mit Ihrer Mainzer Firma B&B Technik + Events im Juli 2024 das Berliner Unternehmen PAM/events übernommen. Jetzt starten Sie mit Ihrem neuen Unternehmen The Cue Group gleichzeitig ein Franchise-System. Wie kam es dazu?
Nachdem wir PAM/events übernommen hatten, haben wir festgestellt: Zwei Unternehmen bedeuten auch immer zwei Kulturen. Das große Wir-Gefühl fehlte. Die logische Konsequenz war, aus beiden Unternehmen eine neue Firma zu machen und darüber eine komplett neue Marke zu setzen. Und wenn wir schon neu starten, dann richtig: Mit einem neuen Franchise-Angebot, mit dem wir die Event-Branche im DACH-Raum revolutionieren werden.
70 Mitarbeiter an zwei Standorten – warum braucht es da ein Franchise-Modell?
Weil wir nicht nur Technikverleiher zusammenbringen, sondern ein komplettes Event-Creator-Netzwerk aufbauen: Agenturen, Catering, Messebau, Möbelverleiher, Veranstaltungstechnik. Alle Gewerke, die an Events beteiligt sind. Unsere Vision: 500 Franchisenehmer in zehn Jahren und das auch international. Wir wollen ein Ökosystem aufbauen statt vieler kleiner unternehmerischer Einzelkämpfer.
500 in zehn Jahren – ist das realistisch?
Der Markt gibt es auf jeden Fall her. Die Veranstaltungswirtschaft ist mit 81 Milliarden Euro Umsatz der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands. Selbst mit einer Milliarde Umsatz wären wir nur bei etwa einem Prozent Marktanteil. Das eigentliche Problem ist aber ein anderes: Laut aktuellen Zahlen werden 231.000 Unternehmen pro Jahr in Deutschland stillgelegt über alle Branche hinweg, weil ein Nachfolger fehlt. Wir haben in diesem Jahr allein drei Anfragen zur Unternehmensnachfolge bekommen.
Warum stärken Sie potenzielle Mitbewerber, statt sie auf Distanz zu halten?
Wir wollen Unternehmen in der Eventbranche befähigen, besser zu werden – durch Zertifizierungen, Digitalisierung, einheitliche Software, Schulungen und Coaching über unsere eigene Akademie und ein gebündeltes Marketing. Ein Neugründer braucht normalerweise fünf bis sieben Jahre, um sich Unternehmertum anzueignen. Wir verkürzen das drastisch. Und ein Altunternehmer, der sein Unternehmen verkaufen will, weiß oft nicht, wie er sein Unternehmen attraktiv macht und wo er oder sie überhaupt anfangen sollen. Wir begleiten beide Seiten.
Und am Ende profitieren auch wir durch mehr Sichtbarkeit und das gemeinsame Event-Geschäft unter einer starken Dachmarke.
Was unterscheidet Ihr Modell von klassischen M&A-Beratern?
Ein M&A-Berater bewertet und sucht einen Käufer. Wir machen das Unternehmen über Jahre hinweg verkaufsfit. Wir optimieren Prozesse, modernisieren, schaffen Attraktivität und vor allem stehen wir den Altgesellschaftern über Jahre beratend zur Seite und begleiten diese. Das ist ein großer Unterschied. Viele Gesellschafter sind geschockt, wenn der Berater sagt: Bei 100.000 Euro Gewinn kriegen Sie 400.000 bis 500.000 Euro – obwohl Waren für fünf Millionen im Lager stehen.
Was war die größte Herausforderung bei der Integration der beiden bestehenden Unternehmen in die neue Unternehmensgruppe?
Das Konkurrenzdenken zu durchbrechen. Beide Unternehmen haben 30 bis 40 Jahre ihre Prozesse entwickelt und glauben natürlich daran. Die Akzeptanz zu schaffen, dass jemand anderes vielleicht auch gute Ideen hat – das ist die härteste Nuss, wenn man zwei Unternehmen fusioniert. Wir setzen auf Zusammenarbeit und Austausch, z. B. mit gemeinsamen Weihnachtsfeiern, Projektgruppen und Personalaustausch. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir dieses neue Wir-Gefühl aufbauen können.
Sie sprechen von Wachstum durch Effizienz statt Personal. Wie meinen Sie das?
Die Margen sind unter Druck, wir werden in der Eventbranche zunehmend einen Personalengpass haben. Das klassische "Wir packen mehr Leute drauf" funktioniert nicht mehr. Wir setzen deshalb auf Digitalisierung und KI – Angebotslogiken, Materialplanung, Personalplanung. Und auf Vernetzung: Wenn ein Standort ausgelastet ist, springt ein anderer ein oder im Idealfall wird es direkt vor Ort ausgeführt. Das ist nachhaltig und effizient.
Stichwort Nachhaltigkeit: Wie passt internationale Expansion zu Klimazielen?
Genau deshalb machen wir es ja so. Heute noch zu rechtfertigen, dass LKWs quer durch Europa fahren für ein Event – das geht nicht mehr. Unsere Vision ist: In jeder Stadt gibt es Partner von The Cue Group, die die gleichen Qualitätsstandards erfüllen. Der Kunde bucht uns, aber die lokalen Unternehmen und deren Crews setzen die Veranstaltung um. Das ist echte Nachhaltigkeit und das für die gesamte Eventbranche.
Wie hat sich die Pandemie auf Ihre Branche ausgewirkt?
Kurzfristig gab es den größten Hype um Online-Events – langfristig ist es die Erkenntnis, dass das menschliche Miteinander digital nicht hundertprozentig ersetzbar ist. Die Präsenzveranstaltungen kommen massiv zurück.
Ihre persönliche Motivation für die Gründung von The Cue Group?
Ich würde mich ärgern, wenn in zehn Jahren jemand anderes das macht und ich mir dann sage: Die Idee hatte ich doch. Wir haben mit 120 bis 150 Unternehmen über ihre Pain Points gesprochen. Diese Probleme zu lösen – das treibt mich an. Und vielleicht eines Tages so eine Marke zu schaffen wie Jung von Matt in der Werbung: Wenn du ein richtig geiles Event von A-Z umsetzen willst, dann gehst du zu The Cue Group.
Mike Bertsch (48) ist CEO und Gründer von The Cue Group. Das Unternehmen entstand nach der Übernahme von PAM/events (Berlin) durch B&B Technik + Events (Mainz). Es startet offiziell zum 1. Januar 2026. Das neue Franchiseunternehmen sitzt in Wiesbaden. Bertsch ist gelernter Hotelkaufmann und seit 30 Jahren als Unternehmer in der Eventbranche tätig. Zu seinen einprägsamsten Projekten zählt die technische Betreuung der 65-Jahr-D-Day-Feier in der Normandie 2009, bei der neben vielen anderen auch Barack Obama zu Gast war.